Rechter „Kulturkampf“ im Hinterzimmer

Das ‚Gerücht über die Juden‘ – Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungstheorie.

Vortrag und Diskussion mit Christine Kirchhoff

14.11.2016 | 18.00Uhr | Hörsaal 11, Universität Bielefeld

Das Reizvolle am Gerücht ist gerade, dass es sich um eine unverbürgte Nachricht handelt, die sich der Überprüfung entzieht. Gerüchte scheinen sich um so hartnäckiger zu halten, desto sensationeller und unwahrscheinlicher sie sind. Gerade ihre Unglaubwürdigkeit macht ihre Faszination wie Haltbarkeit aus. Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, wenn Theodor W. Adorno den Antisemitismus als „Gerücht über die Juden“ bezeichnet? Um diese Frage soll es im Vortrag gehen, indem mit Hilfe von Psychoanalyse und kritischer Theorie die individuelle und die gesellschaftliche Seite eines mörderischen Gerüchts in den Blick genommen werden.
Christine Kirchhoff ist Jun.-Prof. für Psychoanalytische Kulturwissenschaften an der International Psychoanalytic University. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind psychoanalytische Konzeptforschung und psychoanalytische Kultur- und Subjekttheorie.

Linker Semesterstart (02.11. – 12.11.)

Auch in diesem Jahr laden wir euch herzlich zu den Veranstaltungen des ‚Linken Semesterstarts‘ ein, an denen wir selbst auch gestaltend involviert sind.
Warum wir die Uni (immernoch) als politischen Raum wahrnehmen? Dazu zitieren wir aus dem Ankündigungstext zum Linken Semesterstart:

Das Studium ist sicher nicht die schlechteste Zeit im Leben und so richtig Lust auf Lohnarbeiten haben die meisten von uns nicht. Aber wir wollen von der Uni mehr als Punkte für die aktiven Teilnahmen sammeln und „Texte über Texte“ (Antilopen Gang) schreiben. Wir wollen die Uni und Bildungsprozesse selbst gestalten, Freiräume schaffen. Denn die Gesellschaft macht auch vor der Uni nicht halt. Herrschaftsverhältnisse aller Art (Rassismus, Sexismus, Klassismus u.a.) sind hier ebenso Alltag; Verwertungslogik und Konkurrenz sind feste Bestandteile des Bildungssystems so, wie auch eine zunehmende Entpolitisierung. Alles Gründe, aktiv zu werden. Nicht nur, aber eben auch an der Uni.

Folgende Veranstaltungen warten auf Euch:

02., 03., 07., 09.11 // 1130-1600 // Uni-Halle // Infostand und Sofaecke
02.11. // 1600 // X-E0-224 // Aufstieg der französischen Rechten – der Front National
02.11. // 1800 // H 2 // Israel und die deutsche Linke
02.11. // 2000 // Copy&Paste (C1-168) // Party im Copy&Paste
03.11. // 1800 // X-E0-222 // Über die Entstehung und Entwicklung der Kritischen Theorie
03.11. // 1800 // Café Anaconda (U2-155) // Film „XXY“
03.11. // 1900-2100 // Infoladen Anschlag // Öffnungszeit Infoladen Anschlag
04.11. // 1500 // C01-142 // Rassismus – Eine Einführung Workshop mit Natasha A. Kelly
06.11. // 1200 // Infoladen Anschlag // veganer Brunch
07.11. // 2000 // Extra Blues Bar // Popfeminismus zwischen Emanzipation und Selbstinszenierung (Roter Montag)
08.11. // 1000-1600 // Copy&Paste // Sektbrunch
08.11. // 1800 // C01-142 // Kritik der Extremismustheorie
09.11. // 1500 // Treffpunkt vor „Farina“ // Vorstellung und Unirundgang
09.11. // 1800 // H 14 // Die USA zwischen Establishment und Chauvinismus
09.11. // 1930 // Potemkin // Quiz
10.11. // 1800 // H 2 // Ein Rückblick auf „Nie wieder Deutschland!“
10.11. // 1830 // IBZ Bielefeld // Einsteiger*Innen Probe von Rhythms of Resistance
10.11. // 1900-2100 // Infoladen // Öffnungszeit Infoladen Anschlag
12.11. // 2359 // Potemkin // Abschlussparty

Mehr Infos und Ankündigungstexte findet Ihr auf Facebook unter ‚Linker Semesterstart an der Uni Bielefeld oder ganz oldschool auf Papier in der Infobroschüre überall in der Uni Bielefeld (auch bei uns in C1-166)!
Wir freuen uns!

Junge, was ist Rape Culture?

Vortrag und Diskussion mit Jana Klein

26.10.2016 | 18.00Uhr | C2-144

Der Fall Tuğçe Albayrak, Julian Assange im Exil der equadorianischen Botschaft in London oder der entfesstelte Debattenmob nach der Kölner Silvesternacht – was diese medialen Ereignisse miteinander verbindet, ist die allgemeine Unfähigkeit im Öffentlichen wie im Privaten, sich dem Problem der sexuellen Gewalt wirklich angemessen, ethisch und politisch, zu stellen. Die vielfältigen Abwehrmechanismen, mit denen nicht bloß Männer auf die Konfrontation mit der Kultur sexueller Dominanz reagieren, sind nicht nur eine alltägliche Herausforderung für antisexistische Bemühungen, sondern stellen mit der hinter ihnen steckenden Psychologie auch Schnittstellen dar, anhand derer die tiefe Verwobenheit der Geschlechterhierarchie mit anderen Feldern des Ideologischen nachempfunden werden kann. Als Ideologien stellen sie banalerweise sicher, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben wie sie sind – die ihnen anhängenden kulturellen Formationen jedoch sorgen täglich dafür, dass das Leben für viele Menschen mal mehr, mal weniger stark mit der Hölle auf Erden bedroht bleibt. Geschlecht, Rassismus oder Antisemitismus sind daher immer auch sexuell.

Im Vortrag soll anhand einiger jüngerer Beispiele dieser Zusammenhang näher beleuchtet und gezeigt werden, dass das Schlagwort „Rape Culture“ zu mehr taugt als zur Klage darüber, dass in Fällen sexueller Gewalt meist den Betroffenen die (Mit)Schuld gegeben wird. Wenn die Deutschen nach Köln ihre eigenen sexuellen Unzustände (noch mehr) auf maghrebinische Männer projizieren und die Gefahr der Konsequenzen für weiße Nahfeldtäter damit faktisch verringern, ist das nur ein Beispiel dafür, wie die intersektionale Intervention in den White Feminism sehr wohl gesellschaftliche Strukturen aufzudecken imstande ist, die sich ihrem Wesen nach tendenziell der Erkenntnis entziehen. Ohne dann bei Oberflächlichkeiten wie „Diskriminierung“ oder „Macht“ stehen bleiben zu müssen, kann verstanden werden, dass die Hartnäckigkeit des Sexismus auf einen gesellschaftlichen Ist-Zustand verweist, der ohne Geschlechterhierarchie in seiner Gänze undenkbar würde.

Jana Klein beschäftigte sich u.A. in der Jungle World mit der medialen Aufarbeitung des Falls Tuğçe Albayrak, der Debatte nach der Kölner Silvesternacht sowie mit islamistischen Strukturen in Westdeutschland.

Deutschpop, halt’s Maul! Für eine Ästhetik der Verkrampfung…

Eine Lesung mit Frank Apunkt Schneider

21.10.2016 | 20.00Uhr | Potemkin, Heeper Str. 28

Popkultur war vielleicht das wichtigste Reeducation-Programm, das die Alliierten auflegten. Sie überschrieb deutsche Kultur und entfremdete die Kids von Scholle und Volksgemeinschaft. Popmusik auf Deutsch war daher lange Zeit undenkbar. Erst mit Punk entstanden deutsche Texte, die sich zur Kolonialisiertheit durch Pop bekannten. Und als aus der guten alten BRD wieder hässliches neues Deutschland geworden war, verstärkten Bands wie Kolossale Jugend oder die frühen Blumfeld (nicht zu verwechseln mit den späten) die Dissonanzen. Ihre Sperrigkeit war eine Abfuhr ans neu verordnete Wir-Gefühl. Aber in ihrem Windschatten entstand eine neue Generation, die endlich ganz unverkrampft deutsch singen wollte. Tomte, Kettcar oder Klee sangen (noch…) nicht für Deutschland, aber ihr kleinbürgerlicher Gemütsindiepop passt gut zum Entkrampfungsbefehl der Berliner Republik.
An das, was dafür aufgegeben wurde, will der Vortrag erinnern, indem er vom »Fremdwerden in der eigenen Sprache« (NDW) erzählt, von der Materialästhetik der Verkrampfung (Hamburger Schule), von der unglaublich seltsamen Unmöglichkeit deutscher Popaffirmation (Schlager) und natürlich von der Hässlichkeit des Unverkrampften.

Frank Apunkt Schneider ist unfreier Künstler, Autor und selbsternannter Poptheoretiker, Mitherausgeber der Testcard, Redakteur bei Skug und außerdem der deutsche Außenposten der Kulturbewegung monochrom. Aktuelle Veröffentlichung: Deutschpop halt’s Maul! Für eine Ästhetik der Verkrampfung (Ventil Verlag 2015).