Archiv für Januar 2016

Veranstaltungen zu türkischem Nationalismus

In Kooperation mit YXK und YXK-Jin machen wir in der kommenden Woche zwei Veranstaltungen zu türkischem Nationalismus:

26.01.2016 | 18:00 Uhr | Uni Bielefeld H 2

Wahn von der Spaltung des Vaterlandes. Die projizierte Schuld am Völkermord an den Armeniern in der Türkei

Mit Danyal

Im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den anatolischen Christen hat Daʿish, so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“, nicht nur aus dem irakischen Mosul, wohin einst die Todesmärsche führten, die letzten Christen ausgestoßen, im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den anatolischen Christen, in dessen Schatten auch den Eziden nichts anderes bevorstand als Schlachtung oder Flucht, wurde nicht nur Şengal, dessen Gebirge vielen Eziden und assyrischen Christen das Überleben versprach, zum Grab gemacht. In dem hundertsten Jahr wurden nicht nur die assyerisch-christlichen Überlebenden dieses Genozids im Khabur Tal im nordöstlichen Syrien zu Geißeln. In diesem hundertsten Jahr vergeht auch kein Tag, wo in der Türkei nicht zwanghaft die empirische Uneinigkeit auf die Toten und Überlebenden projiziert wird, wo systematisch die Paranoia, die Ermordeten und Verleugneten könnten aus ihren Gräbern aufstehen und als pseudokonvertierte Christen und Juden Rache nehmen und den Spalt ins imaginierte Vaterland schlagen, gekitzelt wird.

Dieser Wahn gründet, wie die türkische Nation selbst, im Genozid an den anatolischen Christen und in einer Tradition an Pogromen und Verfolgungen von allen weiteren nicht-muslimischen und nicht-türkischen Minoritäten. Die verdrängte und projizierte Schuld schlägt um in präventive Aggression. Noch der nationalistische Furor als ideologisches Echo der Konterguerilla,
die in diesen Tagen den türkischen Südosten terrorisiert, kommt nur ganz zu sich selbst, wo er die dem Staate Treulosen unter den Kurden, die Verräter an der propagierten türkisch-kurdischen Brüderlichkeit, als getarnte Armenier oder Pseudokonvertiten markiert. Während in diesen Tagen die Militärpolizei durch das zerschossene Cizre patrouilliert und durch das Chassis dröhnt: „Ihr seid alle Armenier, ihr seid armenische Bastarde“, ist der Schlachtruf aufgebrachter Nationalisten im einstigen Istanbuler Christenviertel Şişli, wo am 19. Januar 2007 Hrant Dink ermordet worden ist, „Wir verwandeln Şişli in ein armenisches Gräberfeld“.

Über die systematische Paranoia und den Verschwörungswahn als konstitutive Momente der türkischen Ideologie spricht Danyal, Autor des Blogs Cosmoproletarian Solidarity sowie Gastautor der Konkret und der Jungle World.

28.01.2016 | 18:00 Uhr | Uni Bielefeld H 10

Autoritäre Wende der AKP? Neoliberal-Islamische Synthese in der Türkei: Der Herrschaftsmodus der AKP

Mit Axel Gehring

Für die meisten westlichen Beobachter_innen kam die 2013er Gezi -Revolte wie aus dem Nichts. Nicht wenigen hatte die Türkei bis dahin als ein Land gegolten, das sich seit 2002 unter der Ägide einer „kulturell pluralistischen“ AKP auf dem Weg der Reform mit dem „autoritär-laizistischen Erbe der vorangegangenen Dekaden auseinandersetze“, „Ansätze zur Lösung der kurdischen Frage“ erarbeitete, die „Vormundschaft des Militärs“ beseitigte und als „Praxis der Demokratisierung“ die Türkei auf den Weg in die EU bringen wollte. Führte sie neoliberale Reformen durch, so hatte es dennoch den Anschein, als würde sie den bislang ausgeschlossenen Teilen einer „zutiefst religiösen Bevölkerung“ zumindest Teilhabe an der allgemeinen ökonomischen Expansion verschaffen. Auch nicht wenige Linke hierzulande bewegten sich innerhalb dieser hegemonialen Erzählung, die wesentlich dem damaligen Selbstverständnis der AKP folgte. So galt die AKP, trotz Vorbehalten in einzelnen Aspekten, als eine „unter dem Strich progressive Kraft“, die etwas „qualitativ Neues in der Geschichte der Türkei“ darstellte.
Die dem diametral entgegenstehende Empirie der letzten Jahre und die inzwischen bis zum Bürgerkrieg zugespitzte Lage in der Türkei, erklären folglich nicht wenige mit einer „autoritären Wende der AKP“. Diese habe den unmittelbaren Anlass für die 2013er Gezi Revolte gebildet, oder aber sich spätestens in Reaktion auf diese vollzogen worden. Diesem Topos von der „autoritären Wende“ reproduziert im Grunde noch immer wesentliche Momente der lange Jahre hegemonialen Erzählung über die AKP.
Es gilt sich daher grundlegender der Frage zu widmen, welche Rolle die AKP bei der Reproduktion von Herrschaft in der Türkei – gerade in ihren ersten „goldenen Jahren“ – bis zur Revolte spielte: So war das ökonomische Projekt der AKP nicht neu, sondern setzte jene neoliberale Transformation fort, die 1980 maßgeblich von der Militärjunta vorangetrieben war. Auch das EU-Projekt der 2000er Jahre, das oft mit demokratischer Transformation unter Ägide der AKP, assoziiert wurde; war nicht ihre Erfindung – sondern Teil eines breiten Elitenkonsenses – und drängte auch auf Vertiefung und robuste Absicherung der neoliberalen Transformation. Auch ihr sunnitisch– islamischer Konservatismus, hatte spätestens seit 1950 in diversen Variationen zum hegemonialen politischen Alltag in der Türkei gehört und bildete auch ein Rückgrat des türkischen Nationalismus – ja sogar eine Grundlage der etablierten Laizismusdefinition. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es der AKP gelang, das eigentlich Hegemoniale im populistischen Sinne zu Reproduktion von Herrschaft oppositionell zu wenden – also den herrschenden Nexus aus politischem Islam, Nationalismus und Neoliberalismus zur scheinbar authentischen Artikulation der Subalternen umzudeuten. Es ist nützlich,eben diese „goldenen Jahre der AKP“ zu verstehen, wenn wir die heutige Türkei begreifen wollen.

Über den Herrschaftsmodus der AKP spricht Axel Gehring, Autor bei der Zeitschrift „LuXemburg – Gesellschaftsanalyse und linke Praxis“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Staatstheorien, die Türkei-EU-Beziehung und die türkische Staatsdebatte.