Stellungnahmen der Antifa AG zur Kritik am Skandalplakat

Plakat

Stellungnahmen der Antifa AG zur Kritik am Skandalplakat

Aufgrund des Artikels in der Neuen Westfälischen (NW) von Ansgar Mönter am 17.04.10 und des am Montag darauf folgenden Artikels, der Debatte über die getöteten deutschen Soldaten und der Kritik des Rektorats, dass „das Plakat die Grenzen, die der Satire üblicherweise zugestanden werden, überschreitet und das Ehrgefühl der Betroffenen (…) verletzen kann“ (Brief des Reaktorats an den AStA Vorsitzenden vom 20.04.10), gab es bei uns in der Antifa AG hitzige Diskussionen. Es bildeten sich zwei Fronten, deren Ansichten unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwischenzeitlich dachten wir gar daran, dem Antrag der liberalen Hochschulgruppe (LHG) zuvorzukommen und uns selbst aufzulösen. Da wir in der Konsequenz jedoch doch noch übereingekommen sind und hoffen, dass wir in der Zukunft mir unserer Arbeit daran anknüpfen können, sollen hier die Positionen beider Fraktionen in unserer Antifa AG dokumentiert werden.

1. Deutsche Soldaten töten anders!
Warum die Antifa AG das von ihr selbst angebrachte Plakat kaum ertragen kann.

Wir sind durch den äußerst hellsichtigen und gewandt argumentierenden Artikel von Ansgar Mönter in der NW vom Samstag, den 17.04.10, darauf aufmerksam geworden wie menschenverachtend wir eigentlich sind und möchten angesichts der toten deutschen Soldaten nun einmal „innehalten“, wie es Kerstin Müller (Bündnis 90/Die Grünen) in der Sendung „Anne Will“ am 18.04.10 forderte.
Folgendes ist uns nun bewusst geworden:
Deutsche Soldaten in Afghanistan haben die zahlreichen Zivilisten und Zivilistinnen in Afghanistan – z.B. letztens erst, auf deutschen Befehl, 135 bei dem sogenannten Tanklasterbombardement – nicht umsonst getötet. Anders als die Taliban bei „zynischen und hinterhältigen“ (Guttenberg) Angriffen, töten deutsche Soldaten ja in deutschem Interesse, sozusagen für die Zukunft unserer Kinder. Außerdem töten sie nur Menschen ausgewählter „Völker“, die bei uns nicht beliebt sind. Noch dazu sind sie bestens dafür ausgebildet und ausgerüstet, möglichst effizient und zielgenau, d.h. möglichst schnell, möglichst viele zu töten (das hat Deutschland ja erfunden!), und es ist ihr Beruf. Sie werden dafür bezahlt.
Anders die Taliban: Sie sind schlecht ausgerüstet s und befinden sich zudem noch in dem Irrglauben, in ihrem Land herrsche Krieg. Das mag vielleicht „subjektiv“ der Fall sein (Niebel, FDP, ebenfalls bei Anne Will), aber eben nicht völkerrechtlich. Wir haben schon immer geahnt, dass andere Völker solche diffizilen Unterschiede nicht so genau erkennen wie die Deutschen. Wie auch, sie sind ja viel zu sehr ins Geschehen involviert. Wie kann jemand, dessen Familie von den Natotruppen getötet wurde, auch nur im entferntesten so objektiv und differenziert urteilen wie die erfahrenen, distanzierten, deutschen Politiker_innen.
Zudem ist es für die Soldat_innen, die ja bewusst einen Eid geleistet haben und ganz genau wussten, dass sie als Soldat_innen töten und getötet werden können, eine ungleich strapaziösere Lage. Diese psychische Belastung kann man sich kaum vorstellen. Anders wiederum die Zivilbevölkerung Afghanistans. Sie trifft es quasi aus heiterem Himmel. Zack die Bombe kommt, der Scharfschütze schießt und im Nu – dank deutscher Effizienz – ist alles vorbei. Sie haben kaum etwas davon gemerkt und sind dazu noch – auch das sollte nicht vergessen werden – von ihrem ärmlichen und entbehrungsreichen Leben befreit. Die deutschen Soldaten haben dagegen viel mehr zu verlieren, vor allem ihre besondere deutsche Ehre und ihren hehren Stolz. Der kommt sogar von Alters her und ist nicht zuletzt in zwei Weltkriegen intensiv gehegt und gepflegt worden. Auch die afghanischen Angehörigen sollten angesichts der deutschen Gründlichkeit alles andere als betrübt sein. Letztlich sind die Tötungen nur eine besondere Form der Lebensmittelhilfe. Weniger Mäuler sind zu stopfen. In Deutschland dagegen verlieren deutsche Familien und darüber hinaus das deutsche Volk im Grunde einen Teil ihres deutschen Blutes. Das müsste dann wieder – in bewährter Manier – durch Lebensraumgewinnungsmaßnahmen und sorgfältige Zucht zurückgewonnen werden. Welch ein Aufwand, welch eine Schmach!
Angesichts dessen müssen wir zugeben: Nicht die deutschen Soldat_innen, die täglich töten und dazu herangezogen worden sind, und auch nicht Menschen wie Ansgar Mönter, der die gute deutsche Tradition pflegt, indem er auch die von antifaschistischen Gruppen als neonazinah diffamierte Burschenschaft „Normannia Nibelungen“ in der NW wiederholt als brave deutsche Bürger dargestellt hat, sind menschenverachtend, sondern wir. Wir schämen uns sehr. Um das aber weiter im Gedächtnis zu behalten und uns nicht aus der Affäre zu ziehen, haben wir uns entschieden das Plakat an unserer Tür so lange hängen zu lassen, wie deutsche
Soldaten fallen bzw. die Bundeswehr existiert.
In tiefer Reue
Die Bekehrten der
Antifa AG Uni Bielefeld

2. Richtigstellung der Antifa­AG zum umstrittenen Abrüstungsplakat

In den letzten Wochen wurde die Antifa­AG von Einzelpersonen, dem Rektorat und der Presse immer wieder wegen des „Bundeswehr­Plakates“ kritisiert, das in der Tür der Antifa­AG aufgehängt ist. Auf diesem Plakat sind vier Bundeswehrsoldaten zu sehen, die einen mit einer Deutschland­Fahne bedeckten Sarg tragen. Um die Abbildung herum ist folgendes zu lesen: „Die Bundeswehr auf dem richtigen Weg: Wieder einer weniger. Schritt zur Abrüstung. Wir begrüßen diese konkrete Maßnahme, den Umfang der Bundeswehr nach und nach zu reduzieren.“
Wir möchten uns von diesem Plakat aus den folgenden, keine konsistente Argumentation ergebenen Gründen distanzieren:
1 Das Plakat ist nicht geschlechtergerecht. Es müsste „eine_r“ heißen.
2 Das Plakat ist unterkomplex:
2.1 Es trägt dem Umstand nicht Rechnung, dass nicht nur durch den Tod von Soldat_innen ein Beitrag zur Abrüstung geleistet werden kann, sondern auch durch deren Schädigung im Kriegseinsatz. Zum Beispiel durch zerfetzte
Gliedmaßen, weggeschossene Unterkiefer und seelische Störungen, die, so weiß man heute, auch dadurch hervorgerufen werden können, dass Menschen dem gewaltsamen Ableben eines Mitmenschen beiwohnen oder dieses selbst verursachen, kann die Größe einer Truppe dezimiert werden.
2.2 Es trägt dem Umstand nicht Rechnung, dass auch die deutsche Waffenindustrie ihren Beitrag zur Tötung deutscher Soldatinnen und Soldaten leistet. Deutschland ist auf diesem Gebiet fast Exportweltmeister – wir schaffen das!
3 Das Plakat ist falsch: Der Soldat_innentod ist kein Schritt zur Abrüstung, sondern notwendiger Bestandteil des Krieges – allein dadurch, dass SoldatInnen sterben, wurde (leider) bislang noch kein Krieg beendet. Der Tod eines einzelnen Soldaten, einer einzelnen Soldatin ist also kein Schritt zur Abrüstung, sondern vermutlich eher ein Schritt zur Aufrüstung. Er ist quasi ein Ansporn für die Waffenindustrie, mit Innovationen auf den Markt zu kommen, die den Tod weiterer deutscher Soldatinnen und Soldaten vermeiden und den von Soldatinnen und Soldaten anderer Armeen ermöglichen helfen, und ein Ansporn für das Verteidigungsministerium, mehr zu investieren und neue Kriegsstrategien zu entwickeln. Mehr nicht.

Für alle Unzulänglichkeiten, die mithin in diesem Plakat enthalten sind, möchten wir um Entschuldigung bitten. Da aber das Plakat an sich von der Verkürzung lebt, als Plakat eben plakativ sein muss, bitten wir um Verständnis dafür, dass wir es weiter hängen lassen. Vielen Dank!
Mit patriotischem Gruß
Die Unverbesserlichen der
Antifa­AG Uni Bielefeld