‚Political Uncorrectness’ als neuer linker Mainstream? – Zur Kritik des Rassismus in Jungle World

Antifa-AG an der Uni Bielefeld / April 2009

‚Political Uncorrectness’ als neuer linker Mainstream? – Zur Kritik des Rassismus in Jungle World

In den letzten Jahren sind in der Wochenzeitung Jungle World sind immer wieder Artikel veröffentlicht worden, in denen ein subtiler bis offener Rassismus zum Ausdruck kommt. Da Jungle World eines der wenigen linken Publikumsblätter im deutschsprachigen Raum ist, spektrenübergreifend gelesen wird und vermutlich einigen Einfluss hat, halten wir es für notwendig dies zu kritisieren. Natürlich sind wir nicht die ersten, denen rassistische Artikel und Comicdarstellungen in Jungle World aufstoßen und die diese kritisieren. Aber es scheint uns sinnvoll nun einmal eine etwas ausführlichere Kritik zu formulieren.
Wir beziehen uns hier allerdings nur auf den Artikel „Schule ist für Muschis“ von Norma Spindler in der Jungle World Nr. 38/2008, seit dessen Erscheinen nun schon einige Zeit verstrichen ist. Hier lassen sich unseres Erachtens aber verschiedene rassistische Deutungs- und Argumentationsmuster herausstellen, die in der Linken offenbar anschlussfähig sind. Die Frage ob dieser Artikel für eine allgemeine Tendenz in Jungle World steht, wäre zu diskutieren und kann an dieser Stelle nicht abschließend beantwortet werden.

In dem Artikel „Schule ist für Muschis“ geht es zunächst um die Ankündigung der Berliner Ausländerbehörde Jugendliche ohne deutschen Pass bei ausbleibendem Schulerfolg abzuschieben. Im Weiteren intendiert die Autorin offenbar, die darauf erfolgten ablehnenden Reaktionen der „zart besaiteten Grünen“ und der Linkspartei zu kritisieren, denen sie Nichtbeachtung der „wirklichen Probleme“ attestiert. Letztere sieht Spindler allerdings weder in der Politik der Ausländerbehörde, noch in der Realität der deutschen rassistisch strukturieren Klassengesellschaft und ihrem Schul- und Bildungssystem oder gar der fortwährenden alltagsrassistischen und institutionellen Diskriminierungen eines großen Teils der SchülerInnen in Deutschland. Stattdessen beschreibt sie detailliert, wie sie sich das Leben eines imaginierten „Tarkan“, ein Jugendlicher aus der „migrantischen Bevölkerung“ Berlins, vorstellt. Dieser ist in Spindlers Sichtweise faul, machomäßig-frauenfeindlich, arrogant und „verspürt keinerlei Ambitionen, sich um die Sicherung seines Lebensunterhaltes zu bemühen“.
Aufgerufen wird somit das Klischee des männlichen, muslimischen, jungen „Ausländers“, der sich nicht „integriert“, es sich auf deutsche Kosten gut gehen lässt und darüber hinaus zivilisatorische Errungenschaften des Abendlandes bedroht. Es lohnt nicht, den Artikel an dieser Stelle detailliert zu referieren. Stattdessen sollen einige wichtige Punkte genannt werden, die über den Artikel hinaus Relevanz für eine linke rassismuskritische Perspektive haben. Positionen wie sie in Jungle World und andernorts innerhalb der Linken häufiger zu hören sind, soll damit entschieden entgegengetreten werden.

Alles Kultur?

In dem Artikel wird kulturalisierend argumentiert. „Tarkan“ ist nicht einfach ein Schüler, der keinen Erfolg und/oder „keinen Bock“ hat. Sein individuelles Verhalten wird hier verknüpft mit seiner zugeschriebenen Zugehörigkeit. Diese Sichtweise verstärkt einen Ethnisierungsprozess der gegenüber der mehrheitsdeutschen Gesellschaft als ‚anders’ konstruierten Gruppen und Individuen. Der Zusammenhang von Verhalten in der Schule und assoziiertem „Migrationshintergrund“ wird an keiner Stelle reflektiert oder in Frage gestellt. Der/die Einzelne wird als TrägerIn seiner/ihrer Kultur begriffen, wobei „Kultur“ statisch gesetzt wird. Demgegenüber sollte ein Begriff stark gemacht werden, der Kultur als kontextuelle soziale Praxis begreift und somit keine einfache Erklärung individuellen Verhaltens durch „Kultur“ zulässt.

Nur Ironie?

Der Artikel spielt mit vermeintlicher Ironie. Ironie allerdings wird reaktionär, wenn sie aus einer privilegierten Position heraus formuliert wird. Es sei dahin gestellt, ob die Autorin persönlich aus einer machtvollen mehrheitsdeutschen, weißen Position schreibt oder nicht. In jedem Fall bietet der Artikel weißen mehrheitsdeutschen Leser_innen die privilegierte Perspektive des sicheren, nicht bedrohten Blicks auf die ‚Anderen’ an. Diese ‚Ironie’ ist nicht harmlos. Die gewaltsame Erfahrung des Alltagsrassismus wird durch sie negiert.

Klassengesellschaft, Ungleichheit und Nation

Die Autorin berücksichtigt den gesellschaftlichen Kontext der von ihr als Problem konstruierten Situation nicht und kritisiert somit weder das Bildungssystem noch die ihm zugrunde liegenden Ungleichheit produzierenden Strukturen der kapitalistischen Klassengesellschaft. Die Autorin bezieht sich zudem durchaus positiv auf die rassistische Immigrationspolitk in Deutschland. So wird im letzten Abschnitt suggeriert, diese sei ohnehin zu zahnlos, um Leuten wie Tarkan beizukommen: „Sie wissen: Man will ihnen mal zeigen, wo der Hammer hängt, aber da kommt meist nichts nach“.
Es werden an keiner Stelle gesellschaftlich-strukturelle Gründe angegeben, warum viele SchülerInnen im rassistisch strukturierten und hochselektiven Bildungssystem scheitern und warum „jeder zweite Türke in Berlin arbeitslos [ist]“. Viele Kinder und Jugendliche mit Rassismuserfahrung finden sich auf Schulen wieder, an denen sie mit ihrem Abschluss später kaum Chancen haben werden, was ihnen durchaus bewusst ist. Allerdings sollte der Diskurs von der Chancengleichheit und herrschende Leistungsideologien ohnehin kritisiert werden. Der Zustand des Bildungssystems drückt einen politischen Willen aus, die bestehenden Ungleichheitsverhältnisse aufrecht zu erhalten. Dieser wird durch die Argumentation der Autorin und die Verortung im Verhalten des Schülers „Tarkan“ verschleiert und fortgeschrieben.
Die Autorin bewegt sich mit ihren Argumenten im Rahmen einer nationalstaatlichen Ordnung/Logik und reproduziert rassistische Stereotype. Gegebene Macht- und Herrschaftsverhältnisse werden hier nicht analysiert und kritisiert, sondern vielmehr verborgen und reproduziert. Die Übernahme einer solchen Perspektive wird den Leser_innen nahe gelegt.

Sprache und Integration

Eine weiteres Diskurselement, welches sich die Autorin des Jungle World-Artikel zu eigen macht, ist die national(istisch)e und reaktionäre Phantasie einer sprachlich ‚homogenen’ SchülerInnenschaft und Bevölkerung. So heißt es, die Verbreitung der Satellitenschüssel sei ein „herber Rückschlag“ für die Pädagogik gewesen. „Denn warum sollten sich arabische Jugendliche die deutsche Sprache aneig­nen, wenn sie sich daheim durch 50 arabischsprachige Kanäle zappen können?“ Die Vorstellung davon, dass in einem bestimmten Territorium nur eine Sprache gesprochen wird, ist ein nationalistischer Mythos, der keiner historischen Realität entspricht. Der Integrationsdiskurs, der behauptet, das Erlernen dieser Sprache sei unumgänglich sowie die damit oft verbundene Forderung den Gebrauch anderer Sprachen aufzugeben, bauen auf diesen Mythos. Demgegenüber sollte nicht nur, aber auch die Perspektive einer mehrsprachigen Schule und Gesellschaft eröffnet werden.

Anschlussfähigkeit in der Linken?

Solche Sichtweisen, wie sie von Spindler offenbar vertreten werden, bieten Anschlüsse an subtile rassistische Ressentiments – auch innerhalb der Linken. Problematisch ist dabei auch, dass die Autorin besonders Menschen mit zugeschriebenem muslimischem Hintergrund für gesellschaftliche Verwerfungen verantwortlich macht. Dies ist ein in den letzten Jahren in bürgerlichen Mainstream-Diskursen gängiges Muster und wird augenscheinlich in Jungle World aufgenommen.

Islam / Religion, Rassismus und Kritik

Spindler spricht zwar nicht explizit von muslimischen Migrant_innen, aber Verweise auf das diskursive Feld „Islam“ spielen eine nicht unwesentliche Rolle im assoziativen Kontext der Argumentation. So ist von „arabischen Jugendlichen“, „Mädchen mit Kopftuch“ und einem „Erstarken der Religion“ die Rede.
Das dominierende Sprechen über „den Islam“/„Muslime“/„Islamisten“ bzw. das Labeling von Menschen mit arabischem/türkischem/etc. Migrationshintergrund als Muslime muss kritisiert werden. In diesem aufklärerisch daher kommenden, ‚islamkritischen’ Diskurs verbirgt sich oftmals ein rassistischer Othering-Prozess. Wenn vor 10 Jahren noch von „AusländerInnen“ die Rede war und vor 25 Jahren von „GastarbeiterInnen“, so geht es heute meist um die „integrationsunwilligen Muslime“. Dies kann vor dem Hintergrund der mittlerweile bis ins bürgerlich-konservative Lager hinein akzeptierten Tatsache, dass die BRD ein ‚Einwanderungsland’ ist, als Aktualisierung einer rassistischen Ausschlusslogik analysiert werden.
Der zunehmenden Salonfähigkeit einer von einer allgemeinen Religionskritik isolierten ‚Islam-Kritik’, welche auch in bestimmten linken Diskursen zu finden ist, sollte entgegengetreten werden. Rassistische Stereotype im Kontext der ‚Islam-Kritik’ müssen aufgedeckt und kritisiert werden. Wenn im bundesrepublikanischen Kontext und aus weißer mehrheitsdeutscher Perspektive eine Islam-Kritik forciert wird, ohne die gesellschaftliche Marginalisierung der meisten Menschen mit muslimischem Hintergrund mitzuthematisieren und ebenso ohne eine generelle religionskritische Ideologiekritik aufzumachen, wird der rechte bürgerliche Islam-Diskurs samt darin enthaltender Rassismen aufgerufen, ob man will oder nicht.
Besonders von Teilen des antideutschen Spektrums sind in den letzen Jahren Positionen, wie sie in dem Artikel vertreten werden, befördert worden. Einer weiteren Verbreitung solcher Formen von Rassismus innerhalb der radikalen Linken muss eine entschiedene Absage erteilt werden.
So ist beispielsweise abzulehnen, dass, wie in dem Jungle World-Artikel, vor allem Homophobie und Sexismus der „migrantischen Bevölkerung“ kritisiert werden und so von eben diesen Diskriminierungsverhältnissen innerhalb der mehrheitsdeutschen Bevölkerung abgelenkt wird.
Ebenso wird die Sicht auf emanzipatorische anti-sexistische und anti-homophobe Kämpfe in „migrantischen communities“verstellt.

Ein Schritt zu weit…

Die Jungle World ist mit der Veröffentlichung des Artikels von Spindler einen Schritt gegangen, den wir nicht mehr hinnehmen wollen. Hier wird eine Verschiebung linker Debatten bewirkt, durch welche rassistische Polemik ‚szene-fähig’ gemacht wird. Wir erwarten von Jungle World keine Berichterstattung im Sinne eines ‚Linienblatts’, aber es gibt für uns linksradikale Standards, hinter die wir nicht zurückfallen wollen.
Dazu gehört für uns eine postkolonial-theoretisch-informierte Rassismuskritik samt Reflexion der je eigenen Sprecher_innenpositionen, ebenso wie eine kapitalismuskritische Analyse der gegebenen Herrschaftsverhältnisse und die Kritik der Nation und ihrer Ideologie.

Hier beispielhaft und unvollständig einige weitere in Jungle World erschienene Artikel aus den letzten Jahren, die unseres Erachtens eine ähnliche politische Tendenz befördern. Der Artikel von Spindler steht für uns im Kontext dieser älteren Artikel und des einen neueren Artikels.

„The Dark Side of the Mädchenzimmer“, Klaus Walter, Heiko Werning, Magnus Klaue, Felix Klopotek, Stefan Ripplinger, Maurice Summen, Ivo Bozic, Markus Ströhlein, Georg Seesslen und Thomas Blum, in: Jungle World Nr. 52, 23. Dezember 2008
[http://jungle-world.com/artikel/2008/52/32385.html] Zugriff 25.2.2009

„Zu deutsch“, Bayram Karamollaoglu, in: Jungle World Nr. 19, 12. Mai 2005
[http://jungle-world.com/artikel/2005/19/15196.html] Zugriff 25.2.2009

„Elf Söhne“, Bayram Karamollaoglu, in Jungle World Nr. 26, 26. Juni 2008
[http://jungle-world.com/artikel/2008/26/22078.html] Zugriff 25.2.2009